Lazy Day

Neulich auf der Geburtstagsfeier einer Freundin: Es weht ein angenehmes Juli-Lüftchen, das Essen ist wunderbar, und die Gäste sind entsprechend entspannt. Irgendwie kommt das Gespräch auf den buddhistischen Mönch Thích Nhât Hanh und eine der Tagesaufgaben seines Retreats: Einen ganzen Tag einmal nichts tun. Essen und trinken seien natürlich erlaubt, schlafen und Körperpflege selbstverständlich ebenso, aber ansonsten eben: nichts. Nichts lesen, keine Musik hören, keine sportlichen Betätigungen, keine Telefonate, keine E-Mails, keine anderweitige Zerstreuung. Das stelle sie sich sehr hart vor, erklärt die Gastgeberin. Ich denke an meine manchmal recht lästige Angewohnheit, stundenlang Löcher in die Luft zu starren und höre mich rumposaunen: „Och, einen Tag mal nichts tun, das bekomme ich wohl hin!“

 

Zwei Wochen später, meine ersten freien Tage nach einem halben Jahr ohne echten Urlaub. Krampfhaft überlege ich, was ich heute tun soll. Im Keller stapeln sich Berge von Bügelwäsche, auf meinem Schreibtisch tobt das Chaos. Im Alltag komme ich irgendwie zu nichts; aber andererseits habe ich grad weder auf das eine noch auf das andere Lust, und schließlich auch Urlaub. Also verkünde ich: „Ich glaub, ich tue heut mal nix.“ Das Geräusch, das Olaf von sich gibt, hat eine leicht hämische Note.

Nach ungefähr einer halben Stunde beginne ich, den Kleiderschrank aufzuräumen. Sortiere Klamotten für die Kleiderkammer aus, sauge alle Fächer gründlich durch, staple T-Shirts und Pullis wieder ordentlich. Einen Gutteil des Tages räume ich so vor mich hin und lasse schließlich – zufrieden mit mir und meinem Werk – meinen Blick vom ordentlichen Kleiderschrank zu den Stapeln ausrangierter Klamotten schweifen. Jetzt könnte sogar das Kamerateam von „Zimmer frei“ zur Homestory auftauchen! Prima!! Heute habe ich mal richtig was geschafft!!!

Aber nix tun geht irgendwie anders...

Eine weitere Woche geht ins Land. Ich habe zu meiner eigenen Überraschung bei Ebay einen Sessel ersteigert, den ich vor meiner Reise nach China gern noch abholen möchte. Aus Neumünster. Also im Norden von Norddeutschland. Ungefähr dreieinhalb Stunden Fahrt plus eine halbe Stunde Stauzulage, kurzer Aufenthalt vor Ort, dann 3,5 – 4 Stunden zurück. Machbar, finde ich.

Es ist ein regnerischer, verhangener Mittwoch, und kurz hinter Hannover stehen wir im ersten Stau. In Hamburg im zweiten. 'W-O-A' lesen wir auf reichlich vielen Autos, die mit uns im Stau stehen. Ach so: Wacken-Anreise-Verkehr; das erklärt einiges.

Kein Problem soweit, aber Sorgen bereitet uns jetzt schon die Rückfahrt: der Stau in der Gegenrichtung, an dem wir uns entlang schieben, ist schier endlos und weder mit Wacken noch mit dem Berufsverkehr erklärbar.

Also beschließen wir, auf dem Rückweg die Elbfähre bei Glückstadt zu nehmen und uns über Bremerhaven irgendwie wieder grob Richtung Autobahn und nach Hause zu schlagen.

 

Es gibt Momente im Leben, da habe ich das Gefühl, die Zeit würde mir wie Sand durch die Finger rieseln, während ich selbst überhaupt nicht vom Fleck komme. Die Landschaft, die sich rechts und links der Landstraße in geradezu epischer Breite bis zum fernen Horizont erstreckt, ist ein Traum. Aber sie verändert sich über Stunden kaum, während im Autoradio im Halbstundentakt die ständig gleichen Nachrichten laufen. Und doch stehen wir ganz plötzlich am Fähranleger in Glückstadt. Und mal wieder: im Stau.

Irgendwann rollen auch wir dann endlich auf die Autofähre. An Deck weht uns das erste Mal seit Stunden frischer Wind um die Nase. Ich fühle kurz in die Luft: Ist es zu kalt hier draußen? Brauche ich eine Jacke? Nein. Es ist weder zu kalt noch zu warm. Es ist angenehm. Perfekt.

Während sich die Fähre quer zum Fahrwasser durch die Elbe pflügt, rieche ich die Seeluft. Ich stehe und atme und schaue.

Tue weiter nichts als wieder schauen und atmen.

Ein und aus.

Innehalten.

Ein und aus.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.“

Wer oder was auch immer uns diesen Umweg hat gehen lassen, bescherte uns den Namen der Elbhalbinsel "Krautsand" (rechts im Hintergrund).
Vielleicht ein lohnendes Ziel für ein verlängertes Wochenende?!