Reine Rasse

Ein Hoch auf die inneren Werte!

Wie man mit anderen Hundebesitzern ins Gespräch kommt, ist nach meiner Erfahrung durchaus auch von der räumlichen Entfernung zwischen den Hunden abhängig.
Da sich seit Martin Rütter's T-Shirt-Spruch („Der tut nix!“) niemand mehr diese Klischeeblöße geben will, ist vor allem die Frage „Rüde oder Hündin?“ (oder wahlweise auch „Mädel oder Junge?“) entscheidend dafür, ob sich auch die Hundebesitzer näher kommen können.

Um aber die Frage nach der Rasse des fremden Hundes unterzubringen, muss man sich schon eine Weile gegenüber gestanden oder mehrfach getroffen haben. Dennoch eine berechtigte Frage – schließlich möchten die meisten Hundebesitzer doch gern wissen, mit was sich ihr Liebling da gerade einlässt. Weit abgeschlagen dagegen und nur bei Sympathie oder wenn's gar nicht zu vermeiden ist: die Frage nach dem Namen des Hundes – eigentlich aber uninteressant.


Tja, die Rasse....
Da auch schon das Tierheim seinerzeit über Joey – der ursprünglich aus einem rumänischen Tierasyl stammt – etwas schulterzuckend notierte, dass er nur schwer einer Rasse zuzuordnen sei, habe ich mir angewöhnt, auf dementsprechende Fragen mit den Worten „Reinrassiger rumänischer Angsthase“ zu antworten. Denn was wirklich in ihm steckt außer Angst, lässt sich wahrscheinlich nur über ein Rassefeststellungsverfahren herausfinden.

Olaf meint ja, irgendwann will er's mal genau wissen, aber ich finde, dass die folgenden Gründe dagegen sprechen: unnötige Blutabnahme beim Hund, anfallende Kosten von bestimmt 100 €, und das wichtigste Argument: Was, wenn ein Kampfhund in dem Joey drinsteckt?? Dann müssten wir nämlich zusätzlich um die 500 € Hundesteuer im Jahr zahlen, schließlich gibt es so etwas wie eine Mitteilungspflicht....


Dass irgendein Terrier unter seinen Vorfahren war, ist mehr als wahrscheinlich; und eine Nachbarin meinte doch glatt, von weitem sähe Joey ein bisschen wie ein Bullterrier aus. „Naja, eher Jack Russel in Übergröße“, schwächte sie's dann ab, als sie ihn aus der Nähe sah.
„Glatthaariger Foxterrier-Mix“, vermutet eine andere Bekannte.
Wunderbar dagegen der Rat eines Freundes: „Sag einfach, es ist ein Kampfkunsthund!“


Wenn Joey sehr aufgeregt vor mir herstiefelt, die muskulösen Beine gerade gestreckt, die etwas buschige Rute hoch aufgerichtet und ein wenig eingerollt, sehe ich allerdings auch einen kleinen Husky oder Akita vor mir. Lässt er dagegen die Rute sinken und richtet seine Ohren voll auf, erkenne ich wiederum einen Miniatur-weißen-Schäferhund in ihm.

Und seit wir die Bekanntschaft von Enzo gemacht haben, einem weißen Galgo, den Joey abgöttisch liebt, finde ich, den schmalen Kopf mit der langen Nase könnte er auch von einem Windhund haben. Spreizt er die Ohren dagegen seitlich vom Kopf ab, denke ich, ein bis zwei Fledermäuse werden auch bei seiner Entstehung mitgemischt haben.


Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters, das weiß ich sehr wohl; aber als neulich ein Hundebesitzer darauf bestand, dass es sich bei Joey unbedingt um einen reinrassigen Hund handeln müsse, weil er ja so ein hübscher sei, da fand ich das Ganze doch langsam echt absurd.
Und seitdem ich mir dessen reinrassige französische Bulldogge genauer angesehen habe, der mit seiner raushängenden Zunge immer ein wenig nach noch nicht ganz überstandener Fazialisparese ausschaut, denke ich: Wir belassen es einfach bei dem rumänischen Angsthasen – denn das einzige, was in Joeys Genen unbestreitbar und definitiv vorhanden ist, ist: ein Hund.


Neulich auf der Hundewiese an der Sparrenburg:
Joey hat sich einen neuen Hundekumpel ausgeguckt, den er jetzt aus vollem Herzen anhimmelt. Ganz anderer Typ als Enzo: ebenfalls groß, aber deutlich schwerer, dunkelbraun, leicht gelocktes Fell, Ringelrute. Sehr schnell und temperamentvoll.

Joey kann nur noch staunend hinterherschauen, als der Gelockte plötzlich seine wilden 5 Minuten bekommt, in irrem Galopp um ihn herumwetzt, im Gebüsch verschwindet, irgendwo wieder auftaucht, wieder um ihn herumwetzt, ihn so wild und laut anbellt, dass dem Joey fast die Ohren wegfliegen. Er versteht's zwar nicht so ganz; aber egal: Er hat die sprichwörtlichen Herzchen in den Augen.

Wir begegnen uns mehrfach an diesem Abend. Der Braune schnorrt völlig hemmungslos bei Olaf Leckerlis – egal, mit ihm teilt Joey gerne – so dass es dem Besitzer fast peinlich ist, dass sein Hund dem Olaf die Hosentasche derart vollsabbert.


„Was steckt denn in dem so alles drin?“ frage ich den Besitzer schließlich, als wir uns das dritte Mal begegnen. Curly coated Retriever, tippe ich insgeheim. Aber der Ringelschwanz? Den muss er von einer anderen Rasse haben, den haben die Retriever definitiv nicht.
„Pudel!“ bekomme ich zur Antwort. „Wie, nur Pudel?“ frage ich, reichlich perplex. „Ja, nur Pudel.“ Offensichtlich mache ich ein derart blödes Gesicht, dass der Besitzer nachlegt: „Also, öch“, druckst er herum, „mir ist die Schermaschine letzte Woche etwas außer Kontrolle geraten.“


Manchmal schüttle ich den Kopf ob meiner eigenen Denkmuster.
Und dann höre ich einmal mehr den Nick Cave, wie er singt: „It's funny how things go...“

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