Bipolar

Wie das Schüppchen zu seinem Namen kam

Als ich anfangs erwähnt habe, selbst nur ungern Hundegeschichten zu lesen, war ich nicht ganz ehrlich, als ich meine Abneigung damit begründete, dass viele Geschichten mit dem Tod des Titelhelden enden. Denn ich muss aufrichtiger- und arroganterweise ein weiteres Geständnis hinzufügen:

Ich lese nicht nur äußerst ungern Hundegeschichten; ich höre mir auch ebenso ungern die Hundeerzählungen meiner Mitmenschen an, weil sie mich in aller Regel langweilen – es sei denn, die Erlebnisse mit den vierbeinigen Best Friends sind richtig gut erzählt oder aber wirklich mal originell, was jedoch eher selten der Fall ist.

Denn meistens beschränken sich solcherlei Berichte auf „Du glaubst gar nicht, wie sich mein Hund freut, wenn ich abends nach Hause komme“ oder „Mein Hund ist so furchtbar verfressen, der kann bei Leckerchen gar nicht aufhören“...
Leider sind derlei Erlebnisberichte aber auf Dauer kaum zu vermeiden, wenn man Hundebesitzer im Freundes- oder Kollegenkreis hat; und ich gebe ja durchaus auch zu, dass das Thema „Ich habe einen Hund“ mir schon häufig als Gesprächsaufhänger für einen Smalltalk mit Menschen willkommen war, mit denen ich sonst kaum ins Gespräch gekommen wäre. Aber es bleibt ein zwiespältiges Thema.

Als der Joey bei uns einzog, passierte es mir anfangs beschämend oft, dass ich völlig vergaß, dass ein neuer Hund da war – so still und bescheiden nahm er sich im Haus aus. Erst wenn er zu seinem Napf schlich, um etwas zu fressen oder zu trinken, erschrak ich über dem Gedanken: „Ach, stimmt ja; wir haben wieder einen Hund!“
Mal ganz ehrlich: Wir haben nie, NIE zuvor einen derart launenhaften Hund gehabt. Seine Bescheidenheit im Haus, die man durchaus auch als Apathie bezeichnen könnte, hat ihm seinen ersten Spitznamen „das Schüppchen“ eingebrockt: die Mundwinkel hängen ihm dann bis auf die Pfoten herab, und über seinem Kopf schwebt eine Denkblase mit den triefigen Worten „Manchmal halt alles furchtbar schwierig ist...“

Draußen haben wir dagegen einen übermütigen bis albernen Hund, der interessiert durch die Welt springt, was von einem Besucher mal mit den Worten kommentiert wurde: „Ach, so schaut der aus, wenn er lebt!“

Olaf und ich haben uns recht schnell darauf geeinigt, dass wir den Launen unseres Schüppchens nicht mit Mitleid, sondern mit viel frischer Luft, gemeinsamem Jogging und Laufen am Rad begegnen. Schließlich ist hinlänglich bekannt, dass Bewegung eine nicht zu unterschätzende Begleittherapie bei depressiven Schüben ist.
Im Kollegenkreis erzähle ich es aber lieber wie folgt: „Unser Hund ist bipolar!“ Dann setze ich eine bedeutungsvolle Mine auf, mache eine Kunstpause und lasse die Worte wirken. Das geht meist recht schnell, und in aller Regel ist mir die Aufmerksamkeit meiner Zuhörerinnen dann sicher. Schließlich fängt es schon mit dem Fachbegriff 'bipolar' an.

Sobald ich das erste Fragezeichen in einem der umstehenden Gesichter sehe, hebe ich zu einer gewichtigen Erklärung an: „Früher hat man dazu ja 'manisch-depressiv' gesagt, aber in Fachkreisen hat man sich mittlerweile auf den Begriff 'bipolare affektive Störung' als Bezeichnung für diese psychische Erkrankung geeinigt. Etwas salopp könnte man auch sagen: Der Hund schwankt zwischen den beiden Extremen 'himmelhoch jauchzend' und 'zu Tode betrübt'.“
Oh, wie sich diese Störung denn äußere und wie wir erkennen, in welcher der beiden Phasen der Hund gerade sei?!

Dann hole ich die Fotos hervor. Zeige die mit dem Breitmaul-Grinsen und jene mit der Schüppchen-Schnute. Bei letzteren ist mir über die reine Aufmerksamkeit meiner Zuhörer hinaus auch noch deren Mitgefühl sicher; und ebenso sicher bin ich mir, dass es das ist, was man 'sekundären Krankheitsgewinn' nennt.

Was mich aber mittlerweile langsam zu nerven beginnt, sind die sich wiederholenden Dialoge: „Wie geht’s dem Hund?“ – „Er ist grad' wieder in 'ner depressiven Phase.“ – „Und was tut ihr dagegen?“
Ich kann mir nicht helfen, aber bei dem Wort 'tun' höre ich stets einen gewissen Handlungsappell.
Tun?!? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Wir kennen allenfalls ein paar bewährte Strategien:
Alberne, ausgelassene Phasen auskosten. Und sich nicht ganz so viele Sorgen machen, denn:
1. kann man auch mit einer Depression gut spazieren gehen.
2. ist nichts so beständig wie der Wandel. Alles, was kommt, geht in der Regel auch wieder.
Oder wie der Chinese sagt: 'Fang Song' – lass los und entspann dich.

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