Willi

Willi

Eine unserer ersten Hundebegegnungen – von dem Husky am Haverkamp mal abgesehen – fand in der frühen Dunkelheit eines Winterabends statt. Das heißt, ein Hund war eigentlich nicht zu sehen wegen ebendieser Dunkelheit, wohl aber der Besitzer, der mit seiner Kopflampe für reichlich Irritation bei Joey sorgte.

Reinrassiger rumänischer Angsthase“, sage ich entschuldigend, da Joey leicht panisch dem lampenverstärkten Blick des Mannes auszuweichen versucht. Auf den Hund dagegen, der mir als „Willi“ vorgestellt wird, reagiert er ausgesprochen positiv. Und auch Willi wird gewissermaßen prophylaktisch entschuldigt: „Wir müssen noch den Grundgehorsam üben. Er ist noch jung.“

Diese Worte werden von Willi prompt mit einem derben, aber durchaus freundlichen Pfotenklatscher in Richtung Joey quittiert.

„Willi, du Sausack!“ ruft der Besitzer leicht empört, doch Joey schert sich nicht drum – ihm ist's grad mal wurscht, denn da scheint sich eine neue Freundschaft anzubahnen.

Willi entpuppt sich bei Tageslicht als ein kniehoher, drahthaariger Terrierirgendwas; er hat ein breites, freundliches Gesicht, das immer zu grinsen scheint und durch die schwarzen Abzeichen recht ausdrucksstark ist.

 

Seitdem ich morgens meinen Dienst schon um 8 Uhr antrete und die Morgenrunde dementsprechend vorverlegt habe, sehen wir uns mittlerweile regelmäßig. Und offensichtlich haben Willis Besitzer und ich einen ähnlich strikten Zeitplan, denn wir treffen uns fast immer an der gleichen Stelle des Weges. Und da es morgens jetzt schon früh hell ist, sehen wir uns alle schon lange, bevor wir uns persönlich begegnen.

 

Über mehrere Wochen laufen diese Treffen zwischen Willi und Joey streng nach folgendem Ritual ab (Entfernung zwischen den beiden Hunden: geschätzte 50 bis 100 Meter):

Joey (bleibt stehen, guckt): „Willi?!??“

Willi (bleibt stehen, guckt): „Joey?!??“

Joey (schwanzwedelnd): „Hey, WILLI!!“

Willi (schwanzwedelnd): „Jesses, der JOEY!!!“

 

Bis wir aufeinandertreffen, wildes Gehampel, Gefiepe, Leinengezerre und Schwanzgewackel auf beiden Seiten; kumpelhaftes Schulterklopfen und erstes wildes Spiel dann im persönlichen Kontakt.

Stefan (da er und seine Freundin bald unsere unmittelbaren Nachbarn sein werden, duzen wir uns seit dem Richtfest, aber das ist eine andere Geschichte) und ich sind uns einig: Diese beiden Raketen passen gut zueinander.

 

Einige Wochen sind ins Land gegangen, und zwischen den Hunden muss irgendetwas passiert sein, was mir entgangen ist. Vielleicht war die Liebe zwischen ihnen doch nicht ganz so groß wie gedacht, oder einer von ihnen hat einen neuen Kumpel.

Denn die Begegnungen zwischen den beiden sind deutlich weniger euphorisch und folgen jetzt eher diesem Muster (Entfernung zwischen den beiden Hunden: geschätzte 50 bis 100 Meter):

Joey (schwanzwedelnd): „Der Willi!“

Willi (bleibt stehen, guckt): „Ach, der Joey!“

Joey (fiepend): „Willi!“

Willi: „Joey.“

Wir treffen aufeinander, wir Menschen grüßen uns kurz,

Joey (wendet sich plötzlich ab, geht einfach weiter): „Ach nee, doch nicht der Willi. Kenn ich gar nicht.“

 

Scheint 'ne neue Masche vom Joey zu sein: „strategische kalte Schulter auf hündisch“, sozusagen. Wenn's funktioniert, probier' ich's bei Gelegenheit auch mal aus...

Bild: Joey zeigt Willi die kalte Schulter; Smeura Rumänien, Tierhilfe Hoffnung; Tierheim Bielefeld

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